Für freies Lernen und Leben

Die derzeitigen Zustände in Schulen und Hochschulen sind nicht länger hinnehmbar. Darunter leiden Schüler_innen, Studierende und Lehrkräfte gleichermaßen. Von freier und allgemeiner Bildung ist kaum etwas zu spüren. Vielmehr sollen möglichst schnell für die Wirtschaft verwertbare Menschen heranerzogen werden.

(Nicht nur) neue Lehrer braucht das Land!

Der akute Lehrer_innenmangel führt zu überfüllten Klassen und Ausfallstunden. Trotzdem werden Schulen geschlossen, allein zwischen 1994 und 2001 traf dieses Los 14 Schulen in Potsdam, während mittlerweile 35% der Potsdamer Schüler_innen Privatschulen besuchen und die Anzahl derer weiter zunimmt. Lehrmittelknappheit grassiert in den verbleibenden Schulen. Überfrachtete Lehrpläne und Notenzwang verschärfen den Druck für Schüler_innen und Lehrkräfte. Ja, auch die Lehrenden sind von dieser Misere betroffen. Nach einer ungenügenden Ausbildung werden sie oft in unsichere Beschäftigungsverhältnisse gepresst.

Eine freie Bildung für alle wird blockiert durch die Zunahme von Privatschulen, die Einführung von Leistungs- und Begabungsklassen sowie der wachsenden Kluft zwischen Gymnasien und Oberschulen. Und all dies sind Ergebnisse von Entscheidungen, auf welche die davon Betroffenen kaum Einfluss haben.

Die Abschaffung der Gesamtschule, bzw. die Reduzierung auf zwei Schultypen, entfernt uns weiter von dem Ziel einer Schule für alle und manifestiert soziale Unterschiede. Die gesellschaftlichen Rollen, in die die Schüler_innen auf dem Gymnasium und der Oberschule gedrängt werden, reproduzieren Leistungsdruck und Konkurrenzverhalten und weisen ‚Verlierer’- bzw. ‚Gewinnerrollen’ zu. Die mangelnde und unterschiedliche Ausstattung an den Schulstandorten verbaut Chancen und den Anspruch des freien und individuellen Lernens.

Von der Schule in die Schule – Survival of the fittest

Mangelnde Mit- und Selbstbestimmungsmöglichkeiten treffen auch Studierende. Gremien, wie z.B. Fakultätsräte, verkommen durch ihre ungleiche Besetzung zu bloßen Alibiveranstaltungen. So werden über die größte Statusgruppe hinweg Studiengänge geschlossen (Kunst Lehramt) oder andere eingeführt (military studies). Angebote des freien Lernens, wie z.B. im Sprachenzentrum, werden reduziert und klein gehalten. Denn auch an den Hochschulen ist die Kapazitätenknappheit ein Problem. So gibt es bei über 20.000 Studierenden an der Universität Potsdam nur Platz für 8.500 und Personal für die Betreuung von 12.000.

Das führt zu überfüllten Veranstaltungen und dazu, dass wir notwendige Kurse nicht belegen können und sich die Studienzeit verlängert. Zudem ist die Ausgestaltung der Studiengänge zu bemängeln, z.B. die unzureichende Praxis in der Lehrer_innenbildung.

Die rigide Ausgestaltung des Bachelor-Master-Systems sowie das neue Brandenburgische Hochschulgesetz erzeugen eine übergroße Arbeitsbelastung und damit Leistungsdruck, welcher von Bildungshürden, wie dem NC oder restriktive Beschränkungen bei der Masterzulassung noch forciert wird. So wird der permanente Prüfungsdruck zur immensen psychischen Belastung. Das trifft auch auf die Überlastung von Lehrenden und Mitarbeiter_innen der Uni zu, deren Beschäftigung bei unzureichender Bezahlung und befristeten Verträgen als prekär zu bezeichnen ist.

Dies sind nur einige der bestehenden Missstände im Hinblick auf Schulen und Hochschulen.

Lernfabriken abschaffen!

Wir sehen uns konfrontiert mit dem Abbau des Bildungssystems auf allen Ebenen zugunsten von Einsparungen oder kurzfristigen Profiten. Dabei werden Bildungshürden aufgebaut, die meist jene Menschen zu Fall bringen, deren Startchancen schon schlechter sind. So dienen die Bildungseinrichtungen zur Reproduktion der bestehenden, ungerechten Verhältnisse. Mangelnde Mitbestimmungsmöglichkeiten hindern uns daran, diese Missstände dort zu bekämpfen, wo sie entstehen. Wir sind gefangen in einem Bildungssystem, das sich nur nach den Gesichtspunkten des Marktes ausrichtet. Effizienz und Konkurrenz steht dabei im Vordergrund. Auf selbstständig denkende, sozial kompetente Menschen kommt es dabei nicht an.

Wer unter diesen Umständen die Notwendigkeit von Protesten leugnet, verschließt die Augen vor der Realität. Wir können und wollen nicht wegsehen und schweigen. Darum rufen wir die von der Bildungsmisere Betroffenen – also alle – auf, sich aktiv am bundesweiten Bildungsstreik 2009 zu beteiligen. In der Woche vom 15. bis 19.Juni werden wir die Bildungseinrichtungen Potsdams bestreiken. Durch kreative und pluralistische Aktionsformen werden wir versuchen, unsere Vorstellungen von einer besseren Bildung in die Öffentlichkeit zu tragen, dort zu diskutieren und zu praktizieren.

Wir fordern:

* mehr Selbstbestimmung für Lernende
* die Demokratisierung des Bildungssystems
* die öffentliche Ausfinanzierung jeglicher Bildungseinrichtungen
* die Verbesserung von Lehr- und Lernbedingungen
* die Abschaffung von Selektion und dem damit verbundenen Konkurrenzdenken
* eine kostenfreie Bildung und gleiche Chancen für alle

Streikkomitee der Universität Potsdam

AK Bildung Potsdam

Kontakt:

bildungsstreik@mail.asta.uni-potsdam.de

bildungskritik@googlegroups.com


Den bundesweiten Aufruf findet ihr
hier.

Unterstützer_innen:

Allgemeiner Studierendenausschuss der Universität Potsdam

AK Bildung Potsdam

DGB-Jugend

GEW-Studis

Linksjugend [’solid] Potsdam

Potsdamer StipendiatInnen-Gruppe der Hans-Böckler-Stiftung

SJD – Die Falken

Ver.di