Bildungshäppchen, 5. März 2010

In den USA protestierten gestern Tausende Studenten beim National Day of Action to Defend Public Education gegen die fortschreitende Privatisierung öffentlicher Hochschulen. In der wahrscheinlich besten amerikanischen Nachrichtensendung Democracy Now gab es gestern einen ausführlichen Bericht darüber, inklusive einem Interview mit Aktivisten von der UC Berkeley. Gouvernator Schwarzenegger kam in einem O-Ton zu Wort, in dem er bemängelte, dass Kalifornien mehr Geld in Gefängnisse als in Bildung investiert.

In Berlin verschiebt sich derweil der Start der zentralen Schülerüberwachungsdatei, weil in vielen Schulen weder schnelle Internetanschlüsse noch „sichere“ Räume für die benötigten Server zur Verfügung stehen. In Brandenburg geht der geplante Kontrollwahn noch einen Schritt weiter:

Daten, die bislang nur lokal in Aktenschränken oder in Schulrechnern lagern, wandern auf einen zentralen Server in Potsdam. Digitalisiert lägen dort nicht nur Stammdaten der Schüler, sondern auch ihre Noten inklusive Beurteilungen des Sozialverhaltens, Angaben „zur Schwimmfähigkeit“ und Infos über das Engagement in Gremien. Auch, ob ein Kind an der Schulspeisung teilnimmt oder in welcher Sprache sich die Eltern unterhalten, soll an den Zentralrechner übermittelt werden.


1 Antwort auf „Bildungshäppchen, 5. März 2010“


  1. 1 Ben 05. März 2010 um 18:34 Uhr

    Mir geht dieses Gesabbel von der Uni-Professorin Ananya Roy von der UC Berkeley auf den Zeiger: „Today March 4th is a historic day“. Da geht die Phrase deutlich dem Inhalt voraus. Man will den eigenen Protest, so berechtigt er auch ist, mithilfe von luftigen Wortwolken in alle epischen Höhen jubeln. Und dazu ein bisschen unhinterfragten Obama-Nimbus „Today is a day of hope“. Mir kommt etwas Kotze hoch. Ob der Protest an der UC Berkeley historisch einzigartig ist, muss ich in der Wirklichkeit durch den aktiven politischen Kampf zeigen und kann es nicht bei Democracy Now als bitteschön selbsterfüllende Prophezeihung verkünden.
    Außerdem wird von der Protestbewegung in Berkeley offenbar der Sinn des defunding of public education überhaupt nicht ausgeleuchtet. Dass staatliche Hochschulfinanzierung gekürzt wird ist ja in unserer historischen Epoche nun kein rein kalifornisches Phänomen sondern in weitgehend allen kapitalistischen Hoch_schulwesen so der Fall. Eine Ressource oder ein Gut, das wie die Bildung und die Wissenschaft immer mehr Warencharakter annimmt will schließlich verknappt werden, damit einige wenige privilegiert darauf zugreifen können. „Bildung“ hatte immer schon Warencharakter – daher ist das Gefasel in Teilen der Bildungsstreikbewegung von der „plötzlichen, mit unserer Generation erst einsetzenden Ökonomisierung der Bildung“ auch ziemlich kurzsichtig. das geht dann soweit dass auf Demos in einem Sarg (schon tausendmal gesehenes Demo-Tool) die „freie Bildung“ zu Grabe getragen wird. Ohne zu sehen, dass es diese noch nie gegeben hat.
    Roy kämpft daher nur exklusiv für die Ausfinanzierung ihrer eigenen Berufs- und Lebenswelt – der akademischen. Für sie ist es ja bloß eine Frage von priorities. Würde man die Prioritätenhierarchie wieder gradebiegen, das Hochschulwesen mit Geld vollstopfen, schwupps wären alle Probleme gelöst. Eine solche Rhetorik lenkt ab von den strukturellen Ursachen. Wir sollten Gedanken und Forderung wie die von Ananya Roy als Problem der Protestbewegung begreifen.

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