Archiv für Februar 2010

Unileitung startet Online-Umfrage zur Studienzufriedenheit – Anonymität gesichert?

Die Uni Potsdam führt eine angeblich anonyme Umfrage zur Studienzufriedenheit durch. Studierende bekommen jedoch eine personalisierte URL mitgeteilt, unter der sie an der Umfrage teilnehmen sollen.

Die Unileitung möchte es endlich Schwarz auf Weiß haben. Wie schlecht steht es um die Zufriedenheit ihrer Studenten? Zu diesem Zweck wird derzeit eine Online-Umfrage mit dem Titel Hochschulweite Befragung zur Studienzufriedenheit durchgeführt.

Die Umfrage soll angeblich anonym durchgeführt werden, mir sind jedoch zwei Merkwürdigkeiten aufgefallen.

  1. Zur Teilnahme an der Online-Umfrage wurde nicht über die Mailingliste [student-list], die alle Studierenden der Uni erhalten, aufgerufen. Anstatt dessen wurde anscheinend jeder Student einzeln und mit persönlicher Anrede angeschrieben.
  2. Die Links zur eigentlichen Umfrage sind nicht in jeder Email identisch! Hierdurch könnten Personengruppen oder sogar Personen identifiziert werden. Die Anonymität der Umfrage ist nicht gewährleistet.

Ich habe die Links zur Umfrage von drei Studierenden verglichen, sie sind alle unterschiedlich:

https://www.pep.uni-potsdam.de/p/dea741e2/5ef*****/de.html
https://www.pep.uni-potsdam.de/p/dea741e2/0ae*****/de.html
https://www.pep.uni-potsdam.de/p/dea741e2/c97*****/de.html

Die letzten fünf Stellen sind aus Datenschutzgründen durch ***** ausgetauscht worden.

Zufall? Absicht? Ein „bedauerliches Missverständnis“? Wenn jeder Studierende die Umfrage unter einer anderen URL ausfüllt, könnte die Unileitung genau erfahren, wer womit nicht einverstanden ist. Ein Datenschutz-GAU.

Ich würde mich freuen, wenn ihr mir in den Kommentaren mitteilt, ob ihr die Email mit dem Betreff „Erste hochschulweite Befragung zur Studienzufriedenheit“ ebenfalls erhalten habt und ob sich euer Link von den o.g. unterscheidet.

// arne

NACHTRAG, 8.2.2010.
Andi hat dankenswerter Weise Herrn Polenz vom PEP kontaktiert. Seine Antwort findet sich in den Kommentaren zu diesem Blogbeitrag. Zusammengefasst sagt er, dass „das Einladungsprozedere […] von der Erhebung und Speicherung der Befragungsdaten getrennt“ ist und hierdurch die Anonymität der Umfrage gewährleistet bleibt. Das lasse ich einfach mal so stehen.

Wer an der Umfrage teilnehmen möchte, kann übrigens die persönlichen Fragen nach Alter, Geschlecht, Herkunft, Wohhnort, Fächerkombination und Studienverlauf einfach nur zum Teil ausfüllen oder überspringen. Dank der hohen Anzahl an Kombinationsmöglichkeiten kann man nämlich auch darüber (je nach Stärke des eigenen Studienjahrgangs) relativ gut identifiziert werden. Datenschutz und Statistik werden wohl nie gute Freunde werden.

Leuchtturmprotest in Frankfurt für den Bildungsstreik 2010!

Am vergangenen Samstag beteiligten sich in Frankfurt am Main einige tausend Studierende, Schüler_innen und Protestwillige an der bundesweiten Demonstration „Die Uni gehört allen – für freie Bildung und ein selbstbestimmtes Leben“, unter anderem auch Studierende aus Potsdam. Das Potsdamer Protestbündnis trug unter anderem mit Transparenten „Uns bleibt die Luft weg – Studieren bis zum umfallen“ und „Radikale Demokratisierung Aller Hochschulen – Nieder mit der autoritären Präsidialuni“ zum Gelingen der Demo bei. Die Demonstration mit einem betont gesellschaftskritischen Akzent zog zunächst begleitet von heftigem Schneetreiben vom Campus Bockenheim in die Frankfurter Innenstadt, vorbei an der Alten Oper und durch die Häuserschluchten von Hochhaustürmen staatssanierter Banken.

In Redebeiträgen wurde zunächst kritisch auf die exemplarischen Veränderungsprozesse an der Johann Wolfgang Goethe Universität eingegangen. Die Umstrukturierung der Frankfurter Universität als einen relativ offenen Ort gleichberechtigter demokratischer Beteiligung aller akademischen Statusgruppen hin zu einer Präsidialuniversität nach dem Muster einer Dienstleistungshochschule, ist in Frankfurt nicht nur am autoritären Auftreten des Universitätspräsidenten Werner Müller Esterl im Umgang mit studentischem Protest ablesbar. Sie wird auch deutlich am geplanten Umzug der Universität in die wuchtigen Gebäude der ehemaligen Firmenzentrale von IG Farben, der geplanten Veräußerung großer Grundstücksteile des Campus Bockenheim, der pauschalen Kriminalisierung von etwa 130 Casino-Besetzer_innen durch Strafanzeigen und der eigenmächtigen Halbierung der Studierendenschaftsbeiträge durch die Hochschulleitung mit hanebüchenen Begründungen. Entwicklungen, die teilweise in mehr oder weniger ausgeprägter Weise auch ihre Schatten bis nach Potsdam werfen.
Entsprechend wurde in Reden des Frankfurter AStA, der GEW, der FAU Frankfurt aber auch in Privatbeiträgen eine radikale Demokratisierung der Hochschule und ein Nichtbeschneiden studentischer Interessen ein- und der Unipräsident Müller-Esterl zum Rücktritt aufgefordert.
Zusätzlich wurden den zahlreichen Passant_innen, spazierenden Familien, Samstageinkäufer_innen auf der Frankfurter Zeil oder auch Menschen in Führungspositionen der umliegenden Kreditinstitute, die aus höheren Etagen auf die Demonstrierenden herabblickten, verdeutlicht, dass man nicht für die Ausweitung studentischer Privilegien auf die Straße gehe. So stünde der Kampf für eine Uni aller Menschen in einem Zusammenhang mit Hartz-IV Betroffenen, prekär Beschäftigten, Abgeschobenen, oder Jugendlichen die auch nach der fünften Bewerbung keinen Ausbildungsplatz bekommen. Am Ende der Demonstration vor der Goethe-Uni wurde von Aktivist_innen an einem Unigebäude ein überdimensionales Transparent mit der Aufschrift „bis die Scheisse aufhört“ entrollt und mit Bengalos aufgehellt.

Mehrere Hundertschaften Polizei umgaben während der gesamtne Demonstration die Teilnehmer_innen an allen Seiten in engem Spalier. Der Frankfurter Polizeipräsident hatte auch wohl vor dem Hintergrund eines gleichzeitigen Fußballspiels Amtshilfe aus NRW und BaWü angenommen. Die Betreuungsrelationen zwischen protestierenden Studierenden und Beamt_innen war verglichen mit dem Lernenden-Lehrenden-Verhältnis an den Hoch_schulen also ausgezeichnet. Hier bieten sich bei solchen Überkapazitäten als ersten reformistischen Ansatzpunkt bestimmt auch Mittelumschichtungen von den Budgets der Innenministerien zu den Bildungs- und Wissenschaftsressorts an.
Für das politische Anliegen einer Radikalisierung aller Lebensbereiche – so auch der Universität und allen anderen Bildungseinrichtungen, dürfte die Polizeitaktik auch insofern in Frage zu stellen sein, als dass staatliche Herrschaft durch den massierten Begleiteinsatz rundumausgestatteter Hero Turtles unter Darth-Vader-Helmen einen berechtigten Protestanlass und seine Inhalte für Unbeteiligte schon rein optisch gesellschaftlich isoliert. Ein solcher Bildungsstreik wird nicht in die Gesellschaft hineinwirken können, wenn er nicht auch zusätzlich und gleichzeitig die Reaktion der Staatsorgane auf ihn selbst thematisiert. Wenn deie Polizei Demonstrationen für selbstbestimmte Bildung zu Wanderkesseln pervertieren lässt, politische Standpunkte nicht vermittelt werden können und es für Unbeteiligte abschreckend wird, sich womöglich an der Demo zu beteiligen, kann man sich politische Versammlungen auch gleich schenken.

Hier ein Videozusammenschnitt… (der bedauerlicherweise keine Redebeiträge beinhaltet)

Aus den Reihen des Potsdamer Protestbündnisses verloren wir zu Beginn der Demonstration ein paar kritische Worte zur Situation in Frankfurt vom Lautsprecherwagen:

„Es ist unglaublich geil, heute hier sein zu können. Nicht nur aus Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet sind heute so viele Tausend hier her gekommen, um gemeinsam zu demonstrieren, sondern aus dem gesamten Bundesgebiet. Und auch einige internationale Mitstreiter_innen sind da.
Wir demonstrieren heute für freie Bildung für alle Menschen, für Hochschulen als gesellschaftlichen Raum, der allen offen steht. Frauen, Männern und allen anderen Geschlechtern, Kindern und Alten, Kurierfahrern genauso wie Supermarktkassiererinnen, Professorinnen und Ärzten.

Die Gesellschaft, in der wir leben, trennt uns an vielen Stellen voneinander. Sie trennt das Leben in den Bereich der Arbeit und in den Bereich der Freizeit, des Konsums. Sie trennt die Fabrik und die Urlaubsferienanlage von der restlichen Stadt, und sie trennt auch zunehmend die Hochschule von ihrer gesellschaftlichen Umgebung. Kaum etwas kann das besser verdeutlichen als der Umzug der Frankfurter Universität von Bockenheim auf das IG-Farben-Gelände. Hier auf dem Campus Bockenheim fügt sich die Uni in die Stadt ein, überall sind Spuren studentischer Kultur, der Campus erlaubt eine Vermischung von Arbeits- und Lebensraum, von Freizeit- und Arbeitszeit.
Ganz anders der IG-Farben-Campus. Er ist hermetisch vom Rest der Außenwelt abgeschnitten. Betritt man das IG-Farben-Gebäude durch den Haupteingang, stellt sich automatisch ein Gefühl des Beobachtetwerdens ein. Auf dem Platz im oberen Teil des sogenannten „modernsten deutschen Innenstadtcampus“, dem steinernen Appellplatz zwischen Hörsaalzentrum und neuer Mensa bleiben nie Menschen stehen. Die Architektur erzeugt überall auf dem Campus ein Gefühl des Klein-Werdens angesichts einer übermächtigen Struktur.

Es ist die steingewordene autoritäre Herrschaftskultur an der Frankfurter Uni.

Im Café des „House of Finance“ sind hervorgehobene Zitate von sogenannten Wirschaftsexperten auf einer komplett verpsiegelten Wand dargestellt. Bestimmte Werte sind hervorgehoben wie etwa „reich“, „kaufen“, „Geld“, „verkaufen“. Darin wird das Anliegen der Struktur deutlich: Vergesse dich selbst, denke nicht selbst, bilde dich nicht, sondern benutze Wissen, um Geld zu vermehren. Wer diese Uni-Festung IG-Farben betreten hat, der wird implizit dazu aufgefordert, sich dem als übermächtig dargestellten Ganzen unterzuordnen. Wer darauf eingeht, wer gehorcht, gewinnt ein gefühl der Zugehörigkeit zu den Mächten, die die Außenwelt ausgesperrt haben aus der Universität. Wer frei sein will, muss gegen diese oftmals unverstandenen Mächte ankämpfen!
Wer frei sein will, darf sich nicht falschen Autoritäten unterordnen
Nach der Besetzung des Casinos wurde in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu den Malereien im Haus geschrieben, dass „Gebäude verletzt“ worden seien. Wer Dinge mit Menschen verwechselt, der verwechselt aber auch umgekehrt Menschen mit Dingen. Der nimmt dann achselzuckend in Kauf, dass Menschen gejagt, eingekesselt, verprügelt werden. WO auf diese Weise Unrecht zu Recht wird, wird aber Widerstand zur Pflicht.
Dem Wahnsinn und der Verblendung in der bürgerlichen Presse, wie im Frankfurter Rektorat, muss etwas entgegengesetzt werden. Deshalb sind wir hier, deshalb schreien wir heute unsere legitime Wut über diese unerträglichen Zustände hinaus in die Welt.
Der Bildungsstreik im Sommer und die basisdemorkatischen Hochschulbesetzungen im Herbst und im Winter, die in Wien begannen und sich über Europa und darüber hinaus in kurzer Zeit ausbreiteten, haben gezeigt, dass Widerstand möglich ist. Die neue Aktivität an Schulen, Berufsschulen und Hochschulen trägt in sich vermutlich schon den Kern einer grundlegenden Veränderung des Bestehenden.

Vor 5 Jahren, am 26. Januar 2005, hat das Bundesverfassungsgericht die Einführung von Studiengebühren ermöglicht. Die massiven gesellschaftlichen Proteste in hessen haben dazu geführt, dass Studiengebühren 2008 wieder abgeschafft wurden und seitdem auch Bundesweit auf dem Rückzug sind.

Es muss aber erkannt werden, dass die Probleme der Studierenden nicht in Widerspruch stehen zu den Problemen anderer Gruppen.
Dass die Probleme an den Schulen das Problem aller sind.
Dass die prekären Beschäftigungsverhältnisse uns alle bedrohen.
Dass mit der menschenverachtenden Flüchtlings- und Asylpolitik von EU und BRD wir alle gemeint sind, jeder Mensch.

Wir dürfen uns nicht länger trennen lassen. Wir brauchen auf dem Weg zu einer anderen Gesellschaft, die bitter notwendig ist angesichts des sich täglich wiederholenden Elends, keine Anführer. Wir brauchen Solidarität.
Wir brauchen schon gar keine Parteien, die letztlich die ungerechten Besitzverhältnisse und die Verfügungsgewalt einiger weniger über das Leben aller immer wieder verstärken oder sozialdemokratisch als notwendiges Übel durch ihre Handlungen aufrechterhalten.

Wir brauchen die Kraft aller, demokratische, gleichberechtigte Strukturen aufzubauen, die uns nicht einengen und beherrschen, sondern die Möglichkeit schaffen, diese Gesellschaft von Grund auf neu zu organisieren.

Daher gehört unser Leben in unsere Hände, deswegen muss die Uni die Uni aller werden!
Wenn wir gemeinsam kämpfen, wenn wir alle mitnehmen, dann kann uns niemand aufhalten.“

Die Rede wurde gehalten von Malte Clausen zur Demo in Frankfurt am 30.01.2010
______________

Links zum weiterschmökern:

Tagesschau, 30.01.2010, 20 Uhr: Mehr als 2000 Studenten demonstrieren in Frankfurt für bessere Studienbedingungen

hr-online: Studenten trotzen Schnee und Wind