Bildungshäppchen, 11. Februar 2010

Ex-Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin möchte Präsident der LMU München werden und kritisiert in einem taz-Interview den Status Quo an deutschen Unis. Hier drei Zitate zu den Themen

Studiendauer

Stattdessen verkürzen wir die Schulzeit um ein Jahr, wie es in den Bundesländern gerade geschieht, um dann mit einem fragwürdigen Bachelor-Konzept die Schulzeit faktisch um drei Jahre zu verlängern.

Anwesenheitslisten

Mit absurden Präsenzlisten, mit einem extremen Maß an Verschulung, mit einer permanenten Prüferei gängeln wir die Studierenden und verhindern genau das, was die europäische Universität ausmachen sollte. Nämlich, dass die Studierenden selbstverantwortlich Schwerpunkte setzen, selbständig leben und lernen und damit auch ihre eigene Urteilskraft schärfen.

und Employability.

Es wird öffentlich kaum beachtet, dass die Geistes-, Kultur- und ein guter Teil der Sozialwissenschaften gegenwärtig marginalisiert werden. Indem Forschungsstandards, die in naturwissenschaftlichen Forschungsbereichen Sinn machen können, stur auf die Geisteswissenschaften übertragen werden, zerstören wir die geisteswissenschaftliche Fächerkultur. Das gilt auch fürs Studium: Studiert jemand Germanistik oder Philosophie, wenn die zentrale Botschaft der Hochschulen „Beschäftigungsfähigkeit“ heißt? Natürlich nicht.

Mit solchen Thesen kann man natürlich nicht Unipräsident werden. Erst recht nicht, wenn der Hochschulrat, der dies zu entscheiden hat, Roland Berger und den Vorstandsvorsitzenden der Münchener Rück als Mitglieder hat.

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In einem Artikel in der taz kritisiert Martin Schwarzbeck die Umgestaltung der Friedensforschung zur Militärforschung in Berlin (und Potsdam). Dies geschieht vor allem durch Sonderforschungsbereiche, Drittmittel und den unkritischen Umgang mit „Dual Use“-Technologien.

Das Problem: Häufig ist es Auslegungssache, ob es sich um Militärforschung handelt. Schließlich könnte man solche Drohnen auch zu zivilen Zwecken verwenden. „Die Drohnen werden vom Militär bezahlt und sind für kriegerische Aufklärung einsetzbar“, sagt Mechthild Exo […]. Die zunehmende Vermischung von militärischer und ziviler Forschung sei allerdings typisch für die derzeitige Entwicklung.

An der Universität Potsdam gibt es den Studiengang Military Studies, in dem Sozialforscher ausgebildet werden, um die Kriegsführung zu effektivieren. […] „Früher wurde mit der Friedensbewegung ins Feld gezogen, heute wird die Militärindustrie bedient.“

Kein Wunder, seien doch die Hochschulen immer abhängiger von Drittmitteln, so Exo. Und den Auftraggebern ginge es nicht immer nur um Erkenntnisgewinn. Durch loyale Forscher und durch PR-Maßnahmen der Bundeswehr „soll die Akzeptanz des Militärischen erhöht werden“ […]

Hajo Funke, Professor am Otto-Suhr-Institut, hat eine ganz grundsätzliche Kritik an der Verteilung der Gelder durch Sonderforschungsbereiche: „Durch die massive Förderung von Sonderprojekten wird der Lehre von Grundlagen der Boden entzogen.“


4 Antworten auf „Bildungshäppchen, 11. Februar 2010“


  1. 1 Andi 11. Februar 2010 um 12:51 Uhr

    drei andere Zitate von Nida-Rümelin aus dem Interview:

    1. „Wir sollten eine eigene Vorstellung der europäischen Universität entwickeln und uns nicht lediglich an dem vermeintlichen Vorbild USA orientieren. Die Vielfalt der Sprachen, Kulturen […]“

    -> europäisch identitär !? Sollten wir das wirklich … ?

    2. „Was die Exzellenzwettbewerbe angeht, sehe ich auch keinen Bedarf für einen Kurswechsel. Das würde ich fortsetzen. “

    -> steht für sich…

    3. „Bitte missverstehen Sie mich nicht. Wir müssen nicht Bologna abwracken, sondern aus Bologna etwas Ordentliches machen. Wir können heute weder die gestuften Studiengänge in Frage stellen, noch können wir uns aus einem Prozess verabschieden, an dem über 40 Staaten beteiligt sind. Darum kann es nicht gehen. Wir brauchen aber eine konsequente Reform der Reform.“

    -> auch…

    Für mich gibts erstmal keinen Grund, den Menschen unbedingt zu feiern (Auch wenn ich zugeben muss, dass viele seiner Worte in der gegenwärtigen Situation schon progressiver wirken…traurig eigentlich)

    Andi

  2. 2 arne 11. Februar 2010 um 15:09 Uhr

    Feiern braucht man den Mann nicht, aber das „Bologna“ nicht „abgewrackt“ wird, dürfte auch sehr wahrscheinlich sein. Höchstens werden ein paar „Exportschlager“-Abschlüsse wie Dipl.-Ing. oder das Staatsexamen für Juristen beibehalten/wiedereingeführt.

  3. 3 Administrator 14. Februar 2010 um 14:50 Uhr

    Also ich würde den Menschen auch sehr kritisch betrachten, gerade nach dem Interview, in dem er auch offen gesagt hat, dass er kein Problem mit Wettbewerb und Exzellenz hat, eben nur an Humboldtschen Bildungsidealen hängt.
    Für die LMU ist dieser Typ sicher eine Revolution, für mich nicht.
    Weiß auch nicht, wie sich seine Ansichten vereinbaren lassen, d.h. freie und kritische Bildung mit Wettbewerb und Exzellenz.

    Der Interviewer hat ja auch versucht, ihn festzunageln und ihm konkretere Aussagen zu entlocken, aber so richtig kam Nida-Rümelin nicht auf den Punkt.

    lG, Claudi

  4. 4 joe 15. Februar 2010 um 21:10 Uhr

    interessanter artikel zur »Zivil-militärische Zusammenarbeit« an bundesdeutschen Hochschulen:

    http://www.jungewelt.de/2010/02-16/017.php

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