Archiv für November 2009

Skandal: Studis werden gezwungen Vorlesung im Zelt zu hören!

Um 13:30 kamen die Studierenden der Botanik-Vorlesung vom Montag ins Audimax zurück, da sie ihre Vorlesung nicht im Zelt hören wollten. Um die Zeit zum Beginn der Vorlesung zu überbrücken guckten sie zusammen mit den Besetzer_innen die Simpsons. Die Bankreihen waren voll. Dann kam die Ansage: der Dozent war im Zelt und weigerte sich ins Audimax zu gehen. Die Begründung: Er würde mit dem Betreten des Audimax Probleme mit der Uni-Leitung bekommen.

Wie kann es sein, dass eine Universitätsleitung ihren Dozierenden untersagt ins Auditorium Maximum zu gehen?
In was für einer Welt leben wir, wenn Dozierende Angst um ihren Job haben müssen, nur weil sie ihre Studierenden unterstützen wollen?
Wie sagte uns Frau Obst-Hantel an dem Montag vor drei Wochen, als sie uns um 7 Uhr morgens mit privatem Wachschutz weckte: „Die Freiheit der Lehre ist die Freiheit der Lehrenden. Was akzeptable [Lehr-]Bedingungen sind, über diese Definition verfüge ich.“

Dieses Aussage hat sich soeben wieder bewiesen.
Wir leben in einer Hochschul-Welt, in der noch nicht einmal den Dozierenden freigestellt wird, in welchem Raum sie ihre Vorlesung abhalten wollen.
Wir leben in einer Hochschul-Welt, in der akzeptable Lehrbedingungen bedeuten, dass Studi sich in einem ökologisch nicht vertretbarem Zelt widerfindet, in dem es nicht möglich ist, genau die Worte des Dozierenden oder der anderen zu verstehen, in dem Klemmbretter verteilt werden, da es keine Ablageflächen gibt.

Die Taktik der Hochschulleitung gegen uns, die Studierenden sowie alle anderen auch wird nicht funktionieren! Wir werden uns nicht aussitzen lassen. Wir werden diesen Raum, den wir uns geschaffen haben, weiterhin kreativ nutzen bis sich etwas bewegt. Wir geben nicht auf.

Audimax-Besetzung an der Uni Potsdam – Ergebnisprotokoll vom 29.11.2009

Hier ist das Protokoll vom heutigen Abendplenum.

Es wurde u.a. Folgendes besprochen:

Gestaltung der Einladungen & weitere Vorbereitungen des Bildungsstreikkongresses in Potsdam (18.12. – 20.12.2009) +++ ab jetzt im Plenum: regelmäßige Berichte von den einzelnen AGs +++ Technik für Auftritt der Kleingeldprinzessin bestens gerüstet +++ Planungstreffen zum „Runden Tisch“ mit Repräsentanten der Uni am 3.12. +++ geplantes Konzert: BKK (Punkorchester, 10.12.2009) +++ Austausch mit argentinischen Hochschulen per Livestream nächsten Freitag +++ Stimmungsevaluation an den einzelnen Campi (viell. Soli-Buttons, Soli-Bändchen) +++ AGs zu einzelnen Forderungspunkten sollten wieder aufgenommen werden +++ Flyerverteilung/Erstellung soll besser koordiniert werden +++ Plenum umgestalten (Offenheit, Neulinge).

„Der Schein trügt.“ Pressespiegel 25.11.-28.11.09

Mit einem entmutigenden Erfahrungsbericht über das Bachelor-Studium an der Uni Potsdam griff die taz am 25.11.09 die Eindrücke vieler Studenten auf [1]. Wahlmöglichkeiten für Veranstaltungen gebe es „oft nur auf dem Papier“, durch die Pflichtveranstaltungen in den Modulen sei man „schon mal bis zu 24 Stunden wöchentlich in der Uni, dazu kommen dann noch Bibliothek, Hausarbeiten, Referate und so weiter.“
Das bittere Fazit: „Von denen, die mit mir angefangen haben, das waren 20, haben nur etwa fünf den Abschluss gemacht. Viel habe ich von meinen Kommilitonen nicht mitbekommen – ich hatte zu viel zu tun.“

Angesichts dieser Erfahrungen, die von vielen Studenten geteilt werden, scheint es untertrieben, dass Bundesbildungsministerin Annette Schavan lediglich von „handwerklichen Fehlern“ bei der Realisierung der Bologna-Reform spricht. Im Interview mit der F.A.S. vom 28.11.09 weist sie die Schuld von sich und erklärt, dass nicht der Bologna-Prozess an sich, sondern die Umsetzung der „politischen Vorgaben“ an den Hochschulen die Probleme herbeiführe [2].

Im Interview vom 26.11.09 mit der Märkischen Allgemeine zeigte Thomas Grünewald, Vizepräsident für Studium und Lehre an der Uni Potsdam „Verständnis für die Forderung nach einer besseren Betreuung“. Die Aufgabe, mehr Geld bereitzustellen, habe aber die Landespoltik [3].

Und während Politiker und Hochschulleiter sich gegenseitig verantwortlich machen, und Pobleme abwälzen, wünscht sich DIE ZEIT unterdessen den „Bummelstudenten“ zurück [4]. Anhand von Aufzeichnungen von Mark Twain, der einst die unkomplizierte Organisation an deutschen Hochschulen lobte, zeigt der der Artikel vom 26.11.09 die Probleme des heutigen Systems: „Seit Jahren versucht man aus dem deutschen Studenten einen besseren, einen effizienteren Menschen zu machen.“

Vor Bologna machten aber „bisweilen ausgerechnet jene Karriere, die zum verwilderten, zum absichtslosen, zum ungezwungenen Denken, zur störrischen Individualisierung, zu Eigenständigkeit neigten.“ Individuelle, eigenverantwortliche Entscheidungen seien heute nicht mehr möglich.
Der Artikel bezeichnet die Proteste als „die berechtigte Wut einer Jugend, die deutlich erkennt, dass sie um ihre Entwicklungschance betrogen wird.“

[1] Svenja Bergt. Erfahrungen mit dem Bachelor – Dozenten hatten keinen Schimmer. taz vom 25.11.2009.

[2] Schavan verteidigt Bologna-Reformen – Hochschulen müssen Konsequenzen ziehen. FAZ.net vom 28.11.2009.

[3] Rüdiger Braun. STUDIENREFORM: Rasender Stillstand – Warum sich trotz Protesten an den Hochschulen so wenig bewegt. Märkische Allgemeine Zeitung vom 26.11.2009.

[4] Adam Soboczynski. Hochschulreform – Nieder mit Bologna! Die Zeit 49/2009 vom 26.11.2009.